2017 ist das Internationale Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung

Genug der Alibiübungen – packen wir die Chance!

Ein Gastkommentar von Christine Plüss, fairunterwegs-Redaktion

Das UN-Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung birgt Potenzial, die nötigen Veränderungen in der Branche einzuleiten. Ebenso könnte es zu einem weiteren Alibi internationaler Stellen verkommen, die Tourismusförderung mit öffentlichen Mitteln, aber ohne klare Nachhaltigkeitsziele und -vorgaben anpeilen.

Wer die internationale Agenda der Tourismuswelt nicht aktiv mitverfolgt, hat es wohl noch kaum bemerkt: Die Vereinten Nationen haben 2017 zum „Internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung“ ausgerufen. Das Jahr steht unter der Federführung der UN-Welttourismusorganisation (UNWTO) mit dem erklärten Ziel, das Bewusstsein für die Beiträge des Tourismus zur nachhaltigen Entwicklung zu stärken. Im Hinblick auf die globalen Ziele (SDGs) der Agenda 2030 sollen Veränderungen in der Politik, Geschäftspraxis sowie dem Verhalten der Reisenden gefördert werden. Da gehen wir völlig einig mit der UNWTO: Das UN-Jahr bietet die höchst willkommene Gelegenheit, Verantwortliche aus Branche und Politik sowie Reisende zu ihrem Beitrag an eine global nachhaltige Entwicklung gemäss der international verabschiedeten Agenda 2030 aufzurufen und ein entsprechendes Handeln einzuleiten. Bleibt die grosse Frage, wer die Chance packt und wie?

 

Slogans statt Programm?

Bei der UNWTO bleiben wir vorerst auf unserer Neugier sitzen. Sie hat für das UN-Jahr fünf Schwerpunktbereiche identifiziert:

1. Inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum
2. Soziale Inklusivität, Beschäftigung und Minderung der Armut
3. Ressourceneffizienz, Umweltschutz und Klimawandel
4. kulturelle Werte, Vielfalt und Kulturerbe
5. gegenseitiges Verständnis, Frieden und Sicherheit

 

In einer „Roadmap“ schlägt sie Behörden und Branche eine Vielzahl von Aktivitäten vor und will verstärkt auch selbst Reisende ansprechen. Das tönt zwar gut und wird von einem Video einprägsam untermalt. Doch unter den Schwerpunktbereichen listet die UNWTO einmal mehr bloss die Erfolgszahlen zur wirtschaftlichen Bedeutung des Sektors auf: Tourismus macht 10 Prozent des globalen Bruttoinlandprodukts aus, erzielt im Durchschnitt über 4 Prozent jährliches Wachstum mit der Prognose der Verdoppelung der internationalen Reisen auf 1.8 Milliarden im 2030, gilt heute schon als wichtigster Exportsektor für viele Entwicklungsländer und bietet einen auf elf Arbeitsplätze weltweit. Dazu die immer gleichen Ansagen, Tourismus sei krisenbeständig, helfe Biodiversität und kulturelle Traditionen zu erhalten und Brücken zu bilden zwischen BesucherInnen und GastgeberInnen.

Keine Frage – Tourismus hat als gewichtiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bereich grosses Potenzial, zu einer global nachhaltigen Entwicklung beizutragen. Mehr noch: Ohne die nachhaltige Gestaltung des Tourismus können die ambitiösen Ziele der Agenda 2030 für eine global nachhaltige Entwicklung gar nicht erreicht werden. Doch aus dem UNWTO-Programm zum UN-Jahr 2017 lässt sich auch mit dem besten Willen nicht ersehen, wer was dafür tut oder tun soll. Es beschränkt sich bisher vornehmlich auf einige UNWTO-Events wie die Eröffnungs- und Abschlusszeremonie, eine Kommunikationskampagne sowie hochkarätige Konferenzen zur Finanzierung des „Tourismus für Entwicklung“. Kein Wort verliert die UNWTO darüber, wie sie mit den inhärenten Widersprüchen zwischen dem von ihr prognostizierten Wachstum und den damit einhergehenden Wirkungen umgehen will – auf globaler Ebene mit der Klimaerwärmung und dem Verlust der Artenvielfalt, auf lokaler Ebene mit dem „Dichtestress“ und dem Ressourcenverschleiss bei gleichzeitig steigenden Lebenshaltungskosten für die Einheimischen. Oder wie der Tourismus effektiv zu sozialer Inklusivität, zu gegenseitigem Verständnis, Frieden und Sicherheit beitragen kann ohne klare Massnahmen für den Respekt der Rechte der Menschen in den Zielgebieten, faire Arbeitsbedingungen und Partizipation an Entscheiden und Ertrag des Tourismus?

Werbeoffensive für den Entwicklungsmotor Tourismus

In den Tiefen der UNWTO-Website finden sich nebst zahlreichen Beispielen für „Best practice“, die inspirierend, aber immer nur schwer auf ihre Nachhaltigkeit überprüfbar sind, durchaus auch fundierte Studien zu Problembereichen wie Klima, Biodiversität oder Frauen im Tourismus und konkretere Anleitungen für Politik und Branche, wie sie Tourismus nachhaltig gestalten können (etwa das Guidebook „Sustainable Tourism for Development“, 2013). Doch in ihren Ankündigungen des UN-Jahres oder der Agenda 2030 nimmt die UNWTO keinen Bezug darauf. In ihrer ersten Pressemitteilung zum UN-Jahr von Ende 2015 präzisierte die UNWTO wenigstens noch, der Tourismus könne zur nachhaltigen Entwicklung beitragen, wenn er „gut aufgezogen und durchgeführt“ werde. Anlässlich seiner Pressekonferenz zur Internationalen Tourismusbörse (ITB) 2016 erklärte UNWTO-Generalsekretär Taleb Rifai rundweg, der Tourismus könne als einer der dynamischsten wirtschaftlichen Sektoren mit globaler Reichweite einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) leisten, insbesondere in den Bereichen der Schaffung von Arbeitsplätzen, den nachhaltigen Konsum- und Produktionsweisen sowie der Bewahrung von natürlichen Ressourcen, wie dies in den Zielen 8, 12 und 14 der Agenda 2030 festgehalten werde.

Die UNWTO bleibt sich selbst treu: Sie ist zwar seit gut 15 Jahren als UN-Organisation anerkannt, aber offenbar noch immer tief verankert in ihren ursprünglichen Wurzeln als Dachverband für nationale Tourismusbehörden und die Branche. Ihr erstes Ziel ist die Förderung des Tourismus. Dazu scheut sie in ihren Ausführungen keine simplifizierenden Verkürzungen, weshalb der Tourismus als Entwicklungsmotor zu unterstützen sei: „Die Gewinne des Tourismus breiten sich in der ganzen Wirtschaft und Gesellschaft aus“, oder: „Jeder Tourist bedeutet mehr Arbeitsplätze und Geschäftsmöglichkeiten im Tourismus selbst, aber auch verbundenen Sektoren, höhere Einkommen für Familien, zunehmende Investitionen und Chancen für ‚grassroot‘ Entwicklung“. In der begleitenden Rhetorik der UNWTO zum Tourismusjahr und der Agenda 2030 wird der Beitrag des Tourismus zur nachhaltigen Entwicklung ganz strategisch ins Feld geführt, um mehr Fördermittel für den Tourismus einzufordern. Dabei hat sie besonders auch die Mittel der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit und Handelshilfe im Visier, leiste doch der Tourismus einen wichtigen Beitrag gerade zur Entwicklung der ärmsten Länder und kleinen Inselstaaten, während er bislang im Rahmen der Entwicklungs- und internationalen Zusammenarbeit nur sehr bescheiden unterstützt werde.

Förderung von Nachhaltigkeit und Menschenrechten im Tourismus statt Tourismusförderung wie bisher

„Die Erfahrung mit dem UN-Jahr des Ökotourismus 2002 könnte sich jetzt wiederholen“, befürchtet Sumesh Mangalassery. Der langjährige Tourismusexperte, Berater von Gemeinschaften für die Wahrung ihrer Rechte in den Tourismusorten Südindiens und Geschäftsführer der Organisation „Kabani – the other direction“, erinnert sich: Damals führte das UN-Jahr zu einem Boom von Ökotourismus ohne Rücksicht auf negative Wirkungen. Die Branche missbrauchte das Thema und dessen Präsenz in der Öffentlichkeit für ihre Zwecke. Das Resultat: Von allen Tourismusformen ist Ökotourismus am stärksten mit Etikettenschwindel verbunden. Er wurde im Namen von Umweltschutz und Entwicklung eingeführt, aber in Wirklichkeit zerstören viele Ökotourismusprojekte die Umwelt, verletzen Rechte indigener Gemeinschaften und verbrauchen in höchst unnachhaltiger Weise Ressourcen. Statt zu ökosensiblem Tourismus hat der Ökotourismus zu Besucheraufkommen in ökologisch sensiblen Gebieten geführt. Viele der Wälder und der ökologisch fragilen Gebiete wurden im Namen des Ökotourismus zugänglich gemacht, ohne Konzepte wie die Tragfähigkeit und die nachhaltige Entwicklung ernst zu nehmen.“

Kritisch zum UN-Jahr 2017 äussert sich auch René Schärer: Er setzt sich seit Jahren in Brasilien dafür ein, dass lokale Gemeinschaften ihre Rechte sowie ihre traditionellen Erwerbszweige wie Fischerei, Landwirtschaft und Handwerk als Voraussetzung für erfolgreiche „community based tourism“-Angebote stärken. Gegenüber fairunterwegs kommentiert er: „Wir brauchen kein Jubeljahr zum nachhaltigen Tourismus oder Programme der Tourismusförderung zur Reduzierung der Armut. Wir brauchen die Stärkung der Menschenrechte: Die Gemeinschaften müssen ihre Rechte wahrnehmen können, ihre Ressourcen zu nutzen und an Entscheiden und am Ertrag aus dem Tourismus vollumfänglich zu partizipieren. Dazu sind politische Entscheide auf lokaler bis nationaler Ebene nötig – und dazu müsste das UN-Jahr beitragen.“

Klar wird: Damit der Tourismus zur Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 beiträgt, kann nicht einfach der Tourismus „per se“, sondern muss gezielt die Nachhaltigkeit im Tourismus gefördert werden – auf lokaler Ebene in den Destinationen und entlang der gesamten komplexen Wertschöpfungskette. Dabei geht es nicht einfach um grobe wirtschaftliche Erfolgszahlen wie das beeindruckende Wachstum. Wirtschaftsfachleute erachten den rasant wachsenden Tourismus bereits seit längerem als beispielhaften Sektor für „Verelendungswachstum“, bei dem trotz Wirtschaftswachstum und technischem Fortschritt das Wohlstandsniveau eines Landes sinkt. Tourismus kommt viele Anbieterländer sehr teuer zu stehen mit der Bereitstellung von Infrastrukturen und Werbung im engen Konkurrenzkampf mit andern Destinationen. Subventionen, gerade wenn das volatile Tourismusgeschäft wegen politischer Unsicherheiten kriselt, grosszügige Anreize für Investoren und lasche Steuerpolitiken, die den Unternehmen grosse Schlupflöcher bieten, schmälern das Einkommen der Destinationen gravierend. Es geht auch nicht einfach um den beeindruckenden Beitrag des Tourismus zum Bruttoinlandsprodukt, sondern darum, was letztlich als Einkommen bei den Menschen in den Tourismusdestinationen ankommt. Und über die rein wirtschaftliche Argumentation hinaus, wie ihre Lebensgrundlagen erhalten und ihre Perspektiven mit dem Tourismus verbessert werden können. Und wie die kostbaren globalen Ressourcen und das Klima geschont werden.

Auch REISEN MIT SINNEN setzt sich für Nachhaltigkeit im Tourismus ein.

Packen wir jetzt die Chance für einen Tourismus, der effektiv zur nachhaltigen Entwicklung beiträgt!

All die hehren Absichtserklärungen und hochkarätig angesagten Konferenzen zum UN-Jahr 2017 bringen den Tourismus ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Aber sie allein werden noch keineswegs die Transformation unserer Welt bewirken, welche die Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen, unter anderem auch zum Tourismus, für eine global nachhaltige Entwicklung anpeilt. Dazu braucht es die innovative und zukunftsfähige Vorstellungskraft der Akteure, ihre Chance jetzt im UN-Jahr zu packen und ihre Worte zum nachhaltigen Tourismus für Entwicklung auch in konkrete Taten umzusetzen. Entscheidungsträger des Tourismus würden dann klare Ansagen machen, stellen wir uns vor, zum Beispiel:

  • Die UNWTO und der globale Spitzenverband der Branche World Travel and Tourism Council (WTTC) sorgen 2017 für den nötigen Aufbruch im Tourismus und fordern ihre hochkarätigen Mitglieder aus Regierungen und Branche klar dazu auf, im UN-Jahr einen fundierten Bericht über Nachhaltigkeit und Respekt der Menschenrechte vorzulegen – mit konkreten Massnahmeplänen, die in einem Prozess gemeinsam mit allen Betroffenen, insbesondere auch VertreterInnen von Grassroot- und zivilgesellschaftlichen Organisationen, diskutiert und ab 2017 regelmässig auf Fortschritt überprüft werden.
  • Regierungen rund um den Globus erarbeiten im UN-Jahr 2017 den klaren Regulationsrahmen, um bei der Tourismusentwicklung Umwelt und Ressourcen zu schonen, ihre Einnahmen aus dem Tourismus zu erhöhen –  unter anderem indem sie nicht nachhaltige Subventionen streichen und Steuerschlupflöcher schliessen –  und benachteiligte Bevölkerungsgruppen verstärkt an Entscheid und Ertrag zu beteiligen.
  • Transnational aufgestellte Hotelketten und Tour Operators bis hin zum kleinen BNB- und Reiseanbietern leiten 2017 ein solides Nachhaltigkeitsmanagment ein, das auch den Respekt der Menschenrechte und die gerechte Beteiligung der Einheimischen am Tourismus gewährleistet. Dafür gibt es seriöse Zertifizierungen und Labels wie TourCert oder Travelife speziell für die Hotellerie. Gewichtige Verbände wie der Deutsche oder Schweizer Reiseverband setzen sich dafür ein, dass mindestens die Hälfte ihrer Mitglieder im UN-Jahr eine solche Nachhaltigkeitszertifizierung erreichen kann. Wirtschaftlich zahlt sich das Engagement für Unternehmen mit einer klaren Ausrichtung auf Nachhaltigkeit und einer entsprechend transparenten Information ihrer Kundschaft gegenüber bereits heute aus, da immer mehr Reisende gern nachhaltig unterwegs sein möchten.
  • Reisende beginnen, ihre schon längst geäusserten Absichten für ein verantwortungsvolles, nachhaltiges Reisen konkret in die Tat umzusetzen. Dafür erhalten sie von den Reiseanbietern transparente Information über die Nachhaltigkeit der Angebote.

Wir werden im UN-Jahr ein Auge auf die Aktivitäten der Entscheidungsträger haben und weiter den Finger auf die wunden Punkte legen. Derweil bieten wir Reisenden und Branche auf unserem Non-profit Reiseportal fairunterwegs.org laufend die griffigen Orientierungshilfen, wie sie selbst fair und nachhaltig unterwegs sein können. Zudem werden wir mit Organisationen vornehmlich aus der Zivilgesellschaft rund um den Globus eine handfeste Grundlage erarbeiten, wie Tourismus zu allen 17 Zielen der Agenda 2030 beitragen kann, wenn die Verantwortlichen aus Politik und Branche sowie die Reisenden heute das Ihre dazu beitragen.

 

Vielen Dank an FAIRunterwegs und Christine Plüss für die Zweitveröffentlichung dieses Kommentars 
Christine Plüss ist Geschäftsführerin des arbeitskreises tourismus & entwicklung in Basel.

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